Tag 6 & 7: Lauwersoog – Delfzijl – Bad Nieuweschans – Bunde – Weener – Emden

Tag 6

FIN13070Durch ehemaliges Militärgelände verließen wir Lauwersoog und fuhren wieder an die Nordsee. Kurz vor Delfzijl trennten sich Stefans und mein Weg wieder. Er fuhr nun Richtung Süden weiter nach Groningen, mein Weg führte mich über Bierum Richtung Deutschland. Ich wollte gerne heute Abend die deutsche Grenze erreichen.

Kurz hinter Delfzijl durchfährt man den ehemaligen Ort Oterdum. Der Ort wurde bereits im Mittelalter erwähnt und hatte während seiner Blütezeit rund 200 Einwohner. In den 70er Jahren musste der Ort der Industrie von Delfzijl weichen. Der Deich musste auf das Niveau der Deltawerke erhöht werden. Nur der Turm der kleinen weißen Kirche von Oterdum ragte gerade so eben über den Deich. Der ehemalige Friedhof musste nicht umziehen. Die Grabsteine wurden FIN13101entfernt und nach der Deicherstellung wieder an ihre ursprünglichen Orte gestellt. Eine Skulptur erinnert nun an den Ort Oterdum. Die ursprüngliche Skulptur aus Bronze wurde gestohlen, weshalb nun eine aus Plastik errichtet wurde. Die Skulptur zeigt eine Hand, die das Dorf und die Kirche vor den anstürmenden Wellen und der Industrie beschützt.

FIN13117Die Strecke an der Nordsee ist ab Delfzijl geprägt von Industriegebieten. Ich würde deshalb jedem empfehlen, die deutlich schönere Strecke durch’s Landesinnere zu wählen und erst ab Bad Nieuweschans wieder auf den Nordseeküsten Radweg zu wechseln.
Nur ein paar Meter von der deutschen Grenze entfernt liegt ein Campingplatz, auf dem ich übernachtete. Meine letzte Nacht in den Niederlanden.


Tag 7

FIN13178Ab Bad Nieuweschans folge ich der Dollard Runde, einem ausgeschilderten Radweg, der durch die wunderschönen Kleinstädte Weener und Bunde bis an die Ems führt. Besonders Weener blieb mir durch die Häuser am Wasser, die Boote und einen schönen Imbiss mit Ponton direkt am Wasser in guter Erinnerung. Von hier ist es nicht mehr weit bis nach Emden. Ich folge der Ems entlang den langen Deichen, sehe kuriose Werbung von „Milchland Niedersachsen“ und werde durch ein Schaf ausgebremst, dass sich mitten in den Durchgang zur nächsten FIN13189Schafwiese gelegt hat. Alle Schafe auf der Tour sind weggelaufen, wenn man sich ihnen auf ein paar Schritte genähert hat. Dieses jedoch nicht. Nach einer kurzen Streicheleinheit würgte ich mein Rad wolligen Körper vorbei, wobei das Schaf es nicht lassen konnte am Tape zu knabbern, womit ich meine Ersatzspeichen an der Strebe befestigt hatte.

FIN13183Emden war mir aus zahlreichen Erzählungen eines Freundes bekannt, der hier aufgewachsen ist. Ich war sehr gespannt auf die Stadt und wurde fast nicht enttäuscht. Schade war, dass es in Emden keinen Campingplatz gibt (obwohl es sich anbieten würde). Ich kam deshalb in einer Jugendherberge unter. Zwei ganz große Tipps habe ich aber in Emden, die unbedingt besucht werden sollten.
1. Das Restaurant „Carlino“. Mit phantastischer Pizza, leckeren Weinen und einer überaus aufmerksamen, freundlichen Bedienung. Ich kann an einer Hand abzählen, in welchen Restaurants ich mich bereits so wohl gefühlt habe.

2. Das „Café Einstein“. Junges Publikum, günstige Preise, nette Bedienung und KICKERTISCHE!!!🙂
Auch hier fühlte ich mich wohl und hielt mich die halbe Nacht mit der örtlichen Jugend am Kickertisch auf.

Nach dem langen Abend war ich froh ins Bett zu fallen. Eine erholsame Tour mit herrlicher Landschaft, netten Begegnungen und einigen Kilometern unter den Reifen ging hier in Emden zu Ende.


Bilder von Tag 6

Bilder vom letzten Tag (7)

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Tag 4 & 5: Beverwijk – Castricum aan Zee – Abschlussdeich Ijsselmeer – Harlingen – Lauwersoog

Tag 4

IMG_3751Am nächsten Morgen packte ich fix meine Sachen zusammen und machte mich ohne Frühstück auf den Weg. Ich wollte einen der schönen Aussichtspunkte in den Dünen aufsuchen und dort ganz in Ruhe meinen Kaffee trinken. Ein wunderbarer Platz dafür liegt knapp 7 km hinter Wijk aan Zee. Hier befindet sich eine Aussichtsplattform, von der nicht nur die Landschaft wunderbar überblickt werden kann, sondern die auch noch ein paar Sitzbänke bietet, die sich ideal in eine Küche verwandeln lassen.

FIN12893Nicht einmal einen Kilometer weiter beginnt ein floristisch sehr interessantes Gebiet. Durch die Dünen vor Castricum aan Zee wird Trinkwasser filtriert. Das gefällt nicht nur den Flussbarschen und Libellen, sondern auch vielen Pflanzen und weiteren Insekten. Das Wasser ist wunderbar klar und lässt sich direkt aus dem Fluss trinken. Ein schönes Ausflugsziel, dachte sich auch eine Familie, die mit ihren Kindern und dem Fahrrad angereist war und fleißig Kratzbeeren (Rubus caesius) sammelten.

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Spektakulär unspektakulär ging es weiter durch diese wunderschöne Landschaft (wiederhole ich mich? ;)) bis ans Ijsselmeer. In Den Oever besteht die letzte Chance eines Snacks, bevor es 30 km Schnurgerade über den Abschlussdeich geht. Es gibt drei Möglichkeiten der Übernachtung. Vor dem Deich in Den Oever, in der Mitte des Deiches in Breezanddijk und am Ende des Abschlussdeiches in Cornwerd. Ich nahm mir vor in Den Oever zu bleiben, wenn ich den Campingplatz sehe. Das tat ich nicht, also ging es über den FIN12920Deich. Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn sich vor einem eine Straße auftut, dessen Ende am flimmernden Horizont noch immer nicht endet. War es vielleicht doch etwas zu viel für einen Spät-Nachmittag? Nach einiger Zeit sah man auch auf dem GPS nur noch Wasser und eine gerade Straße. Der Radweg hat die Breite einer deutschen Dorfstraße und besitzt in der Mitte eine Fahrbahnmarkierung. Der Wind kam schräg von hinten, weshalb ich mit einer hohen Durchschnittsgeschwindigkeit fahren konnte. Ich packte meine Kopfhörer ins Ohr, schmiss meine „Bike-Playlist“ an und nach nur 30 Minuten war ich in der Mitte angekommen. Es ist zwar eine lustige Vorstellung in der Mitte des Deiches sein Zelt aufzuschlagen, in der Realität sieht das aber ganz anders aus. Da ist es nämlich nicht so lustig, wenn die ganze Nacht hindurch LKW und PKW am Zelt entlang rauschen. Und Kochen war bei dem Wind auch keine Entspannung. Also nahm ich die letzten 20 km unter die Reife und erreichte gegen 19 Uhr den kleinen Campingplatz in Cornwerd.

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Mit 117,9 km und einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 24,5 km/h stellte ich den Tourenrekord auf dieser Reise ein. Die Durchschnittsgeschwindigkeit ist sogar die höchste, die ich bisher auf Reisen gefahren bin.

Tag 5

Über Nacht machte sich die schlechte Belüftung des Vaude Power Lizard SUL wieder bemerkbar. Durch den feuchten Boden kondensierte sehr viel Wasser am Zeltinnern, welches auch in der Morgensonne nicht wegtrocknen wollte. Das nächste mal werde ich mir einen kleinen Kunstfaserlappen mitnehmen, mit dem ich das Wasser abtrocknen kann.
Entlang der N31 gelange ich nach Harlingen, eine kleine Festungsstadt, die mit vielen kleinen Cafés entlang der Grachten punkten kann. FIN12953Ab Harlingen ist die Landschaft von Deichen und weiten Weidelandschaften geprägt. Ich bin ab hier viele, viele Kilometer auf der asphaltierten, zur Meerseite hin gewandten Deichseite gefahren. Das mag eintönig klingen, aber es hat seinen ganz eigenen Charme. Ich verbrachte einige Zeit mit Lesen, sah den Möwen im Wind zu und genoss die Einsamkeit. Die gleiche Idee hatte offenbar auch Stefan. Stefan kommt aus London, ist ebenfalls mit dem Rad unterwegs und ist auf dem Weg nach Groningen. Jemandem vor uns muss wohl ein Schaf entwichen sein, jedenfalls stand eines außerhalb der Weide. Wir beschlossen das Schaf einzufangen und wieder auf die Weide zu bringen. Durch Sand und Kiesel auf dem Deich war das gar nicht so leicht. Immer wieder fand das Schaf eine Lücke zwischen uns und konnte entkommen. Nach einigen Minuten haben wir es dann aber doch geschafft und das Schaf lief meckernd auf die Weide.
Da Stefan und ich die gleiche Richtung hatten, beschlossen wir zusammen zu fahren. In einem kleinen Ort ließen wir uns nieder und erzählten bei einem Bier über unsere bisherigen Erlebnisse. Stefan bringt in London Kindern das sichere Radfahren im Straßenverkehr bei und verdient sich damit etwas Geld. In Groningen möchte er Freunde besuchen.

FIN12962Wir fuhren bis Lauwersoog, wo auf einer kleinen Halbinsel ein Hafen errichtet wurde. An der Spitze der Halbinsel tranken wir frisch gebrühten Kaffee. Stefan besaß einen Becher, ähnlich einer Bodum Kaffeekanne, also mit Sieb im Innern. Dadurch konnte er frischen Kaffee zubereiten, der natürlich tausend mal besser schmeckte als meine lösliche Plörre. Auch einen Hacky-Sack hatte Stefan im Gepäck und gemeinsam spielten wir, bis uns der grandiose Sonnenuntergang dazu zwang unsere Kameras herauszuholen und hunderte Fotos zu machen. Eines habe ich mir seit diesem Tag geschworen:
1. Der lösliche Kaffee wird endgültig aus dem Reisegepäck verbannt und gegen einen Ortlieb-Kaffeefilter und richtigen Kaffee ersetzt.
2. Zukünftig wird ein Hacky-Sack mit ins Reisegepäck wandern. Es gibt kaum einen anderen Gegenstand, der so vielseitig einsetzbar ist. Es kann alleine oder in einer großen Gruppe gespielt werden. Mit Kindern oder Erwachsenen. Er kostet nicht viel, wiegt wenig und entspannt müde Gelenke und Muskeln.

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Wir bauten unser Zelt auf dem Parkplatz am Hafen auf. Eine Picknickbank bot beste Gelegenheiten zum Kochen und Sitzen und durch den Hafen standen uns sogar Toiletten und Duschen zur Verfügung.

Bilder von Tag 4:

Bilder von Tag 5:

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Tag 3 Den Haag – Zandvoort – Ijmuiden – Wijk aan Zee

Tag 3

Die Nacht war warm, sehr warm. So warm, dass ich am Morgen gleich noch einmal unter die Dusche springe. Ein verstohlener Blick in den Himmel offenbart mir, dass das Wetter FIN12719heute nichts gutes mit mir vor hat. Am Zelt angekommen packe ich als erstes meine Sachen ein und lade sie aufs Rad. Sicher ist sicher! Mir gegenüber campiert ein Vater mit seinen zwei Söhnen. Sie sind gerade mit dem Frühstück fertig und schenken mir deshalb ihren übriggebliebenen Milchvorrat. Ich beschließe eine geschützte Stelle für’s Frühstück aufzusuchen. Ich habe definitiv keine Lust im Regen zu sitzen. Also schwinge ich mich auf’s Rad und fahre ein paar Kilometer. Hinter mir ziehen sich die Wolken immer stärker zusammen und einige Blitze gehen nieder. In einem kleinen Tunnel finde ich Unterschlupf und packe den Kocher für’s Frühstück aus. Das Tunnelfrühstück war etwas unbequem, aber ich konnte von dort den Wolken zusehen – wie sie links und rechts an mir vorbeizogen. Kein Tropfen Regen fiel.

FIN12868Es folgte ein Stück, dass einen Vorgeschmack auf die nächsten Tage geben sollte. Ich fuhr durch wunderschöne Dünenlandschaften mit übervollen Sanddornbüschen, Brombeersträuchern und Holunderbäumen. Auf der rechten Seite tauchten einige Bunker auf. Ein Hinweisschild informierte, dass hier, wo früher hart gekämpft wurde, heute Fledermäuse Unterschlupf finden.

Nun stand ich schon in Den Haag. Ich habe mir im Vorwege keine Punkte rausgesucht, die ich in Den Haag besichtigFIN12781en möchte. Durch GPS und Karte ließ sich dies aber am Wegesrand schnell erledigen. Mein erster Stopp war der Friedenspalast (Vredespaleis), Sitz des internationalen Gerichtshofes. Das wunderschöne Gebäude im Stil der Neorenaissance wurde 1913 gebaut und besitzt ein ebenso schön gestaltetes Gelände. Vor den Toren befinden sich Sitzgelegenheiten und die Weltfriedensflamme. 1999 wurden hier 7 Flammen aus 5 Kontinenten vereint, die nun in einer Säule aus Marmor brennt und besichtigt werden kann. Schön ist auch die Geschichte des Weltfriedensweges, der um die Flamme herum beschritten FIN12791werden kann. 2004 trafen sich 196 Staaten und viele brachten einen typischen Stein aus der Heimat mit. Die Steine sind rund um den Weg verteilt und mit dem Herkunftsland beschildert. Ein Hinweisstein am Anfang des Weges bittet um ein Gebet/Wunsch an den Frieden, wenn der Weg rund um die Säule beschritten wird.

FIN12809Der Nordseeküsten Radweg führt weiter durch den Wald Den Haags. Ein Wald, der mitten in der Stadt liegt. Ähnlich wie ein Park, jedoch komplett Naturbelassen. Am Ende des Waldes befindet sich der Wohnsitz (bis 2013) von Königin Beatrix, die mit Ihrer Familie hier wohnt. Das Anwesen ist teilweise aus der Parkanlage einsehbar und wird schwer bewacht.

FIN12875Gleich hinter Den Haag beginnt die Dünenlandschaft Südhollands. Südholland ist zwar das am dichtesten besiedelte Gebiet in den Niederlanden, aber glücklicherweise bekommt man in der Dünenlandschaft davon nichts mit. Ganz im Gegenteil. Die Dünenlandschaft erstreckt sich über insgesamt ca. 110 Kilometer und wird nur selten durch ein Dorf oder eine Kleinstadt Durchschnitten. Für mich der schönste Abschnitt des gesamten Nordseeküsten-Radweges in den Niederlanden! Durch die Dünen führt ein gut ausgeschilderter Radweg, der zu großen Teilen asphaltiert ist. Der Rest des Radweges ist aber ebenfalls sehr gut auf festen Sandwegen befahrbar. Nach nur wenigen Kilometern ließen sich erste weidende FIN12856Hirsche, ruhende Hochlandrinder und kreisende Milane blicken. Ich machte hier viele Pausen, um die Ruhe und Natur zu genießen und mich an den vielen Brombeeren satt zu essen. Wer Geduld, eine Plastiktüte und schmerzbefreite Hände hat, kann sich auch an den schwer beladenen Sanddornbüschen vergreifen. Hier könnten ganze LKW-Ladungen weggefahren werden.

Ich verzichtete auf einen Besuch der Stadt Haarlem und radelte statt dessen weiter durch den Nationalpark Zuid-Kennemerland. Leider sieht die Landschaft auf meinen Bildern nicht annähernd so schön aus wie sie tatsächlich war.
Bei Ijmuiden wird der Nordseekanal überquert, der die Verbindung zwischen Amsterdam und der Nordsee herstellt. Direkt dahinter liegt Wijk aan Zee, wo ich mein Zelt auf einem kleinen Campingplatz aufschlug.

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Tag 1 & 2 Middelburg – Hoek van Holland – Wijk aan Zee

Tag 1

FIN12551Mit der Bahn ging es unkompliziert und ohne Verspätung nach Middelburg. Eine kurze Stadtrundfahrt mit dem Rad stimmte mich auf die kommenden Tage ein. Viel Wasser, Windmühlen und eine gute aber gewöhnungsbedürftige Radwegführung und schöne Häuser gab es zu bewundern. Die Radwegführung ist deshalb gewöhnungsbedürftig, da man es als Hamburger Radfahrer einfach nicht gewohnt ist so gut durch den Verkehr geleitet zu werden. Die Radwege sind breit, es sind viele, viele Radfahrer auf ihnen unterwegs und ein Abbiegevorgang kann nicht mal eben schnell eingeleitet werden, sondern sollte gut überlegt sein, um keinen Unfall zu verursachen.

FIN12550

Aus der Stadt ging es entlang eines kleinen Kanals bis zur Nordsee. Ich habe schon vor der Tour einen Host über Couchsurfing gefunden, der mich über Nacht bei sich schlafen lies. Meine erste Etappe war damit nur knapp 40 km lang, aber das reicht ja auch für denFIN12598 Nachmittag, sollte man meinen. Der Rückenwind war jedoch so stark, dass ich bereits 1 ½ Stunden früher als geplant in Wissenkerke angelangt war. Ich suchte mir deshalb eine windgeschützte Ecke hinterm Deich, ließ mir den Wind um die Nase wehen, sah mir die vielen Austermuschelschalen an, die auf den befestigten Deich gespült wurden und kramte mein Telefon hervor um noch eine Stunde zu lesen.

Bei meinem Host angekommen, empfing mich die überaus freundliche und entspannte Coen. Wir kamen direkt und ungezwungen ins Gespräch und unterhielten uns non-stop FIN12625bis in die späten Nachtstunden hinein. Bei Wein, Käse und Oliven saßen wir geschützt vor dem Nieselregen in dem wunderschön hergerichteten Garten, wo ich auch mein Zelt aufschlagen konnte. Wir unterhielten uns viel über die Natur, das Reisen, die schönen und negativen Seiten unserer Länder, die Familie und entdeckten dabei, dass wir dem gleichen Job in der selben Branche nachgehen bzw. gegangen sind. Ich zeigte Coen, wie ich vorhabe am nächsten Tag weiterzufahren, sie zeigte mir aber einen interessanteren Weg bis Den Haag und konnte mir auch viel zu den Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke erzählen. Was für ein Start in die Tour!🙂

Tag 2

Nach dem Abschied von Coen sammelte ich auf dem nahegelegenen Feld ein paar Speisezwiebeln auf, die bei der Ernte liegen geblieben sind. Die Jahreszeit ist immer super geeignet für eine Tour. Auf Bäumen und Feldern findet man allerhand Lebensmittel, die jeden Tütenfraß aufpeppen.

Über den Deich geht's weiter durch Süd-Holland

Über den Deich geht’s weiter durch Süd-Holland

Der Wind hat zugenommen und pustete mir mit hoher Geschwindigkeit aus Ost direkt ins Gesicht. Der Tag hätte auch mit Sonne beginnen können – hat er aber nicht. Ein kurzer, heftiger Regenschauer durchnässte mich komplett, der Wind und anschließend auch die Sonne, trockneten mich aber schnell.
Koudekerke ist eine alte Fischerstadt (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Stadt bei Middleburg), von der nur noch der Kirchturm (Plompe Toren, Burgh-Haamstede) existiert. Die Pfarrkirche wurde um 1311 errichtet und fiel 1375 schweren Sturmfluten zum Opfer. 1468 wurde die Kirche neu aufgebaut, hielt

Plompe Toren. Der Kirchturm in Koudekerke.

Plompe Toren. Der Kirchturm in Koudekerke.

aufgrund der noch nicht gebändigten Oosterschelde jedoch nur 114 Jahre. Das Dorf wurde aufgegeben und die Kirche bis auf den Turm abgerissen. Der Turm diente fortan der Schifffahrt als Landmarkierung. 1935 wurde der Turm restauriert und um die Jahrtausendwende ein kostenloses Besucherzentrum integriert. Im Innern wird per Bewegungsmelder ein Hörspiel mit der Legende (niederländisch), sowie ein Bildband aktiviert. Vom Turm hat man einen herrlichen Blick über die gesamte Umgebung. Es ist wirklich ein Abstecher wert!
Natürlich ist das Dorf nicht einfach verlassen worden, das wäre zu unspektakulär. Der Legende nach hat sich folgendes zugetragen:

Die Sicht vom Turm ist grandios!

Die Sicht vom Turm ist grandios!

Fischer haben während einer Ausfahrt eine Meerjungfrau gefangen. Der Mann der Meerjungfrau hat die Fischer aufgefordert seine Frau zurückzugeben. Die Fischer kamen der Aufforderung nicht nach, sondern stellten Sie zur Schau aus. Die Meerjungfrau starb nach einiger Zeit und ihr Mann wurde daraufhin so zornig, dass er die kleine Fischerstadt überflutete. Er sprach „Westenschouwen, du sollst es bereuen, dass du meine Frau geraubt hast, Westenschouwen wird untergehen, nur der Turm soll stehen bleiben.“ Und so blieb nur der Turm erhalten.
Es obliegt natürlich jedem selbst, welche Geschichte plausibler erscheint🙂

Mit Rückenwind und perfektem Radweg sind Geschwindigkeiten von 35-40 km/h mühelos zu fahren.

Mit Rückenwind und perfektem Radweg sind Geschwindigkeiten von 35-40 km/h mühelos zu fahren.

Weiter ging’s mit atemberaubender Geschwindigkeit. Durch den Rückenwind fuhr ich entspannt mit bis zu 45 km/h auf den flachen, gut asphaltierten Straßen entlang. Nach rund 15 km kam ich am Brouwersdam an, die Verbindung zwischen den Inseln Schouwen-Duiveland und Goeree-Overvlakkee. Hinter dem Deich erreicht man einen Strandabschnitt, der als erstes durch die vielen Segel auffällt. Hunderte Kiter und Windsurfer tummeln sich am Strand und im Wasser. Am Fuße des Deiches haben sie ihre Wohnmobile und Busse geparkt, grillen, sonnen sich und führen ganz offensichtlich ein sehr entspanntes Dasein. Aber auch hier ist eine Spaltung der Sportarten zu erkennen. Links vom Damm tummeln sich die Kiter, rechts die Surfer. Drei Meter über Ihnen fege ich hinweg – Ziel ist der Campingplatz in Hoek von Holland.

Bilder Tag 1

Bilder Tag 2

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